< Zurück zur Auflistung Magazin-Artikel, 04.05.2015 - Veye Tatah

Editorial Nr. 57

Dekolonize Afrika! Werft die Fesseln ab!

In Tröglitz brennen Flüchtlingsunterkünfte, in Südafrika werden schwarze Afrikaner von unzufriedenen schwarzen Südafrikanern gejagt und getötet. Der Frust sucht sich ein Ventil. Diese Verbrechen richten sich hier wie dort gegen die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, gegen Flüchtlinge und (im Falle von Südafrika) auch gegen Wanderarbeiter.

Nach dem Ende der Kolonialzeit sind in Afrika alle zum „Business as usual“ übergegangen. Viele Kommentatoren dachten, dass jetzt die eigentlichen Probleme gelöst seien und Afrika wieder "funktionieren" würde. Dies stellt sich heute als großer Fehler heraus. Die Regierungen Afrikas hatten sich keine Zeit genommen, sich mit den Auswirkungen der Kolonialzeit auseinanderzusetzen. Die Gewalt, der Hass, die Erniedrigungen, die Ausbeutung und die praktischen Auswirkungen des Prinzips „Teile und Herrsche“ wurden einfach ignoriert. Während der Kolonialzeit wurde der Bevölkerung beigebracht, dass alles, was aus Europa kommt, gut sei – Ideen, Menschen, Waren, Politik. Den Christen wurde beigebracht, dass Jesus weiß sei und der Teufel schwarz. Die Menschen wurden auf diese Weise so indoktriniert, dass sie sich selbst als unfähig, unbeliebt, unschön und wertlos empfanden und häufig noch immer empfinden. Eine ganze Generation verinnerlichte diesen Irrglauben.

Die Schulsysteme der Kolonialherren wurden Eins zu Eins übertragen. Die Lehrinhalte waren für die Lösung der täglichen Probleme der Einheimischen aber nur begrenzt relevant. Vielmehr nutzten sie überwiegend der Wirtschaft und den  politischen Interessen der „Mutterländer“. In der Türkei modernisierte Mustafa Kemal Atatürk das ganze Schulsystem mit dem Ziel, eine soziale und kulturelle Veränderung in der Gesellschaft zu etablieren, in der Bildung eine wichtige Rolle spielte. Er schloss alle Koranschulen, hob den Wert der Berufsausbildung hervor. Da dieser Transformationsprozess ausblieb, scheiterten viele afrikanische Länder südlich der Sahara. Einige nordafrikanische Länder wie Ägypten, Tunesien und Marokko hatten viel unternommen, um ihre Gesellschaften und Kulturen nach der Unabhängigkeit zu verändern. Andere nutzten das Schulsystem der jeweiligen Kolonialmächte jahrzehntelang weiter, obwohl es von vorneherein darauf ausgerichtet war, die Afrikaner französisch bzw. englisch zu sozialisieren.

Von Anfang versuchte man, durch „Teile und herrsche“ eine nationale Identität zu unterdrückenund verhinderte so die Entstehung eines eigenen Selbstwertgefühls der Afrikaner. Und das ist heute eines der Dilemmata Afrikas. Die Praxis der Begünstigung einer ethnischen, religiösen, rassischen oder kulturellen Gruppe gegenüber anderen Teilen der Bevölkerung innerhalb der Kolonialgesellschaft hat dazu beigetragen, gruppenübergreifende Rivalitäten zu fördern. Das setzt sich bezüglich der ungleichen Verteilung und der Kontrolle über die Ressourcen der Länder bis heute fort. Das Ergebnis sind zahlreiche Konflikte. Da stellt sich die Frage: Welche Art von Demokratie brauchen afrikanische Länder?

Die Ereignisse in Nigeria nach dem friedlich und erfolgreich verlaufenen Machtwechsel geben uns Grund zur Hoffnung, dass dieses Beispiel in den anderen Ländern Schule machen könnte. Bleibt zu hoffen, dass die politischen und wirtschaftlichen Strukturen des Landes, die es bisher nicht geschafft haben, der Mehrheit der Nigerianer gerecht zu werden, sich nun auch zum Positiven hin verändern.

Die Erfahrungen mit den 1884 auf dem Reissbrett der Berlin-Konferenz künstlich geschaffenen Nationen haben nach der Unabhängigkeit dazu geführt, dass viele Afrikaner keinerlei Loyalität zu ihren Ländern fühlen. Nach mehr als 60 Jahren Unabhängigkeit sind viele Länder Afrikas trotz des Vorhandenseins fruchtbarer Böden immer noch nicht in der Lage, für die Ernährung ihrer Bevölkerung ausreichend Nahrungsmittel zu produzieren. Treibstoff muss selbst bei einer Erdöl produzierenden Nation wie Nigeria eingeführt werden.

Überall auf der Welt steht Afrika als Synonym für Armut, Krieg und Spendenabhängigkeit. Viele Afrikaner glauben selbst nicht mehr an ihre Fähigkeit, ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen zu können. Viele sind passiv und abhängig. Mental wurden sie zu Bettlern degradiert. Das damit verbundene Minderwertigkeitsgefühl hat sich nach Ende der Kolonialzeit eher noch verstärkt anstatt abzunehmen. Die Entwicklung zu vieler Länder Afrikas kommt leider nicht voran. Die kolonialen Trennlinien, Gewalt und Hass unter den Bevölkerungsgruppen, haben ein tiefes Misstrauen in den Gesellschaften hinterlassen. Versöhnung und Heilungsprozesse müssen jetzt unbedingt stattfinden, da es sonst schwer wird, nachhaltig demokratisch regierte Nationen aufzubauen, die den Traditionen und Kulturen der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen Gleichberechtigung garantieren.

Viele Nationen des Kontinentes brauchen meiner Meinung nach eine gesellschaftliche Kultur, die auf Solidarität, Respekt und Achtung füreinander, auf Empathie, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit basiert. Die heutigen Gesellschaften sind ein Spiegelbild der Eliten, von diesen selbst produziert. Deswegen glaube ich an die Notwendigkeit einer mentalen Transformation der Gesellschaften, die sich in den jeweiligen Ländern abspielen muss. Ein gesellschaftlicher Diskurs zur Dekolonisierung der Mentalitäten, der politischen, sozialen und kulturellen Strukturen der Länder südlich der Sahara ist unabdingbar.

Liebe Leser, wie Sie sehen, gibt es in manchen Bereichen Fortschritte, in anderen herrscht jedoch noch Stagnation. Trotzdem sind wir guter Hoffnung, dass jedes Land seine eigenen passenden Lösungen finden wird. Genießen Sie nun die Lektüre unseres Magazines!

VeyeTatah