< Zurück zur Auflistung 14.07.2014

Editorial Nr. 54

Liebe Leser, 

die Fußball-WM hat uns in den letzten sechs Wochen Unterhaltung und Ablenkung vom schnöden Alltag geboten. Wir gratulieren der deutschen Mannschaft zum Sieg. In diesem Jahr waren fünf afrikanische Länder mit dabei: Algerien, die Elfenbeinküste, Ghana, Kamerun und Nigeria. Diese Mannschaften haben ihre Leistung im Vergleich zur letzten WM deutlich verbessert. Wir sind also guter Hoffnung, dass es bei der WM 2018 eine Mannschaft aus Afrika bis zum Semifinale schafft. 

Kommen wir zu den Herausforderungen unseres bunten Kontinentes. Der Schlüssel zur wirtschaftlichen Entwicklung ist vor allem der Ausbau der Infrastruktur. Das bedeutet, dass dringend viel Investitionskapital benötigt wird, um entsprechende Projekte zu realisieren. Laut der African Development Bank (AFDB) verschlingt allein der Gütertransport zwischen 30 % bis 50 % der Exportkosten. Bei Binnenstaaten wie Ruanda, Mali und anderen liegen diese Kosten noch weitaus höher. Gut ausgebaute und gut in Stand gehaltene Straßen- und Schienennetze sind für den innerafrikanischen Handel unabdingbar. Die Volkswirtschaften Afrikas werden deutlich wachsen, wenn afrikanische Länder in größerem Maßstab Güter für den afrikanischen Markt herstellen. Der bisherige Handel bedient überwiegend das nichtafrikanische Ausland und beschränkt sich zu sehr auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen zur Versorgung außerkontinentaler Länder. Damit kann man aber keine Arbeitsplätze für die jungen Menschen Afrikas schaffen. 

Ein weiteres Sorgenkind ist die Energieproduktion. Laut dem UN-Magazin „Africa Renewal“ ist Afrika der Kontinent mit der größten Energieunsicherheit. Wenn man von der Industrialisierung in den Ländern sprechen will, dann geht das nicht ohne Zugang zu preiswerter Energie. Es ist kontraproduktiv und absurd, dass ölproduzierende Nationen wie beispielsweise Nigeria für den Bedarf der eigenen Bevölkerung Benzin aus dem Ausland einführen müssen. 

Um diverse Investitionsprojekte durchzuführen, suchen viele Länder nach Kapital. Heutzutage trauen sich einige Länder Afrikas, auch auf dem internationalen privaten Finanzkapitalmarkt Geld auszuleihen. Eurobonds scheinen interessant geworden zu sein. 2006 waren die Seychellen nach Südafrika das zweite Land in Afrika, das Bonds ausgegeben hat. Mittlerweile haben Ghana, Gabun, die Elfenbeinküste, Senegal, DR Kongo, Nigeria, Namibia und Sambia Kapital durch Eurobonds geschaffen. Einige dieser Länder sehen in Eurobonds eine Möglichkeit, die Beschaffung von Kapital zu diversifizieren und sich dadurch von Entwicklungsgeldern zu emanzipieren. Durch die Eurobonds sind die afrikanischen Länder nun in die internationalen Finanzmärkte integriert. Laut AFDB hatten bisher nur Marokko, Südafrika und Tunesien Zugang zu diesen Märkten. Für alle anderen Länder war der Zugang beschränkt. 

Im Juni las ich einen Bericht in den „Deutschen Wirtschafts-Nachrichten“, in dem die EU-Kommissarin für Innenpolitik, Cecilia Malmström, die EU-Mitgliedsländer vor dem Aufblühen der Korruption in Europa warnte. Bereiche wie öffentliche Aufträge sind sehr stark von Korruption betroffen, und das nicht nur in den südeuropäischen Ländern. Mit dem Finger auf die afrikanischen Regime zu zeigen und sich selbst als sprichwörtliche Saubermänner zu präsentieren, ist für die Europäer und besonders die Deutschen ein Spiel mit dem Feuer. Ich erwähne mit Stuttgart21, der Hamburger Elbphilharmonie und dem Berliner Großflughafen sicherlich nur die Spitze des Eisberges – schon eine oberflächliche Durchsicht der Medien lässt einen nur mit dem Kopf schütteln. Wiederholte Kostensteigerungen um hunderte Millionen Euro innerhalb weniger Wochen oder Monate schließen eine einwandfreie Planung aus.

Deutschland macht zwar trotzdem gute Fortschritte bei der Bekämpfung von Bestechung, doch der deutschen Regierung sei zur Verhinderung von Interessenkonflikten beim Ausscheiden von Politikern aus dem Amt dringend eine Festlegung klarer Regeln empfohlen. Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) und Ex-Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) stellen die aktuellsten Beispiele dar. Die sogenannte „Karenzzeit“ von einigen Monaten ist für sich schon ein Witz.  Deutlicher kann die Politik ihre Wähler eigentlich nicht mehr für dumm verkaufen. Und es kommt sicher nicht von ungefähr, dass man den „Wechsel“ von Dirk Niebel als Entwicklungsminister des BMZ zum Waffenproduzenten Rheinmetall als „Belohnung für bisher geleistete treue Dienste“ ansieht. Er hat sich während seiner Amtszeit für Frieden und Entwicklung in den sogenannten armen Ländern eingesetzt, steht jetzt aber als Verkäufer für Waffen und Munition in dieselben Länder zur Verfügung. Moral Fehlanzeige! Wie war das mit dem Bock, den man zum Gärtner macht? Aber bitte nicht mit uns. Wir sollen nicht vergessen, dass Herr Niebel dank seiner bisherigen politischen Arbeit über ausgezeichnete Kontakte zu vielen Regierungschefs und relevanten Entscheidern in zahlreichen Ländern verfügt. Das wird jetzt genutzt, um Waffen an den Mann zu bringen. Wo ist Ihr Gewissen, Herr Niebel? Ist das nicht zynisch? 

Der Westen prangert Afrika ständig wegen Korruption an und behauptet, dieses Fehlverhalten zu bekämpfen. Dann müssen wir aber erwarten können, dass der Lehrer selbst als Vorbild dient. Doch wenn es um das eigene Interesse geht, vergessen wir alle unsere guten Vorsätze. Lang lebe die Lobbyarbeit! 

Liebe Leser, wie Sie sehen, gibt es viele Herausforderungen nicht nur für Afrika. Aber wie immer werden Sie in diesem Heft Beiträge lesen, die Lösungsansätze und Persönlichkeiten vorstellen. Sie machen uns Mut, weil der echte Entwicklungsprozess auf einem guten Weg ist. 

Genießen Sie die Lektüre!

 

Veye Tatah